Über 14 Millionen Syrer:innen mussten wegen des syrischen Bürgerkrieges ihr Heimatland verlassen und in anderen Ländern Schutz suchen. Unter den Geflüchteten befanden sich auch zahlreiche Apotheker:innen. Einige davon hat ihre Flucht nach Österreich und durch Fleiß und Anstrengung auch hinter die Tara geführt, wo sie zur Gesundheitsversorgung der heimischen Bevölkerung beitragen. Mag. Shaveen Alali und Mag. Adeeb Kenno stehen beispielhaft für diesen bemerkenswerten Weg und gelungene Integration.
„Mein Onkel hat mich angerufen und aufgeregt erzählt, dass der Geheimdienst vor der Tür gestanden ist und nach mir gefragt hat. Jemand aus unserer Gruppe war verhaftet worden und musste beim Verhör Namen nennen. Dann war klar, dass ich nicht wieder nach Hause zurückkommen kann“, berichtet Shaveen Alali, die heute als Apothekerin in einer öffentlichen Apotheke im 17. Wiener Gemeindebezirk arbeitet. Als im März 2011 der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, war sie noch Pharmazie-Studentin in Damaskus. In den Wochen und Monaten vor Kriegsbeginn hatte sie gemeinsam mit anderen jungen Leuten an den Protesten gegen die Regierung von Baschar al-Assad teilgenommen. „Wir haben friedlich für mehr Rechte und Chancen im Leben demonstriert“, betont Alali. Nachdem die Regierung im Mai 2011 damit begonnen hatte, die Protest-Hochburg Homs zu bombardieren, versuchten Alali und ihre Mitstreiter:innen Medikamente und Lebensmittel für die dort unter widrigsten Bedingungen lebenden Menschen zu organisieren. „2012 habe ich selbst ein Krankenhaus in Homs besucht, um den Bedarf an Medikamenten abschätzen zu können. Das war gruselig. Ich frage mich immer noch, wie Leute dort überleben konnten. Die Straße vor dem Krankenhaus wurde ‚Todesstraße‘ genannt, weil dort Scharfschützen des Regimes gelauert und wahllos auf Menschen geschossen haben. Und im Krankenhaus selbst gab es fast nichts mehr. Auch alle Ärzte waren bereits geflohen. Die Operationen hat ein Tischler vorgenommen.“
Der Anruf ihres Onkels, der ihre Flucht aus Syrien besiegeln sollte, erreichte Alali im Libanon, wo sie bestimmte Medikamente für das Krankenhaus in Homs beschaffen wollte. „Alle anderen aus unserer Gruppe waren bereits verhaftet worden. Ich bin darum direkt aus dem Libanon in die Türkei gereist. Der Taksim-Platz in Istanbul war bekannt dafür, dass es dort Leute gibt, die einen nach Europa bringen können. Über einen Umweg über Jordanien habe ich es dann in ein Flugzeug nach Paris geschafft“, erzählt die Pharmazeutin. Am Flughafen suchte sie sofort um Asyl an, wurde jedoch prompt inhaftiert. „Wir wurden wie Kriminelle behandelt. Zum Glück habe ich einen Onkel, der damals bereits seit über 20 Jahren in Deutschland lebte und mir geholfen hat, aus dem Gefängnis herauszukommen und mit ihm nach Deutschland fahren zu dürfen.“
In der Bundesrepublik erhielt Alali Schutz vor Krieg und Verfolgung, doch auf ihrem beruflichen Weg in die Apotheke gab es noch Hürden meistern. „Ich musste sehr lange auf mein Abschlusszeugnis aus Syrien warten. Da ich vom syrischen Geheimdienst gesucht worden war und mein Name auf entsprechenden Listen stand, war das kein leichtes Unterfangen. Ich habe zwischenzeitlich schon überlegt, in welchem Bereich ich sonst arbeiten könnte, falls ich das Diplom nicht erhalten sollte. Aber Verwandten in Syrien ist es dann vor Ort irgendwie gelungen, das Zeugnis zu bekommen und es mir nach Deutschland zu schicken“. Nachdem sie in Aachen ein Jahr in einer Apotheke als Hilfskraft gearbeitet hatte, legte sie eine Kenntnisprüfung ab, die damals für die Anerkennung von Drittstaatsexamen in Deutschland erforderlich war. „Das war die heftigste Prüfung, die ich erlebt habe. Drei Professoren haben mir anderthalb Stunden Fragen zu allen möglichen Themen in der Pharmazie gestellt. Das war inhaltlich schwer und mein Deutsch war damals auch noch nicht so gut wie heute“, blickt Alali zurück. Durch die bestandene Prüfung konnte sie dann endlich als Apothekerin zu arbeiten beginnen. Nach vier Jahren in öffentlichen Apotheken in Deutschland, führte die Liebe die junge Frau ins Nachbarland. Sie lernte ihren damals bereits in Wien lebenden Mann kennen und zog zu ihm in die österreichische Hauptstadt. Inzwischen hat das Paar eine Tochter und einen Sohn. Alali wäre nicht unglücklich, falls sich ihre Kinder auch einmal für den Apothekerberuf entscheiden sollten. „Bildung ist in Syrien generell sehr wichtig und Gesundheitsberufe sind sehr hoch angesehen. Viele Eltern dort wollen, dass ihre Kinder Pharmazeuten oder Ärzte werden“.
Ähnlich wie in Österreich werden die Apotheken in Syrien von einzelnen Pharmazeut:innen als Inhaber:innen geführt und gelten als wichtige Anlaufstelle für die Bevölkerung in vielen Gesundheitsfragen. Den Traum von einer eigenen Apotheke wollte sich Adeeb Kenno erfüllen, der im rund 50 Kilometer von Aleppo entfernten Azaz aufgewachsen ist und einer Familie mit zahlreichen Pharmazeut:innen entstammt. Wie bei Alali wurden jedoch auch Kennos Pläne vom Bürgerkrieg durchkreuzt. Gerade als er sein Pharmazie-Studium im rumänischen Konstanza abgeschlossen hatte und nach Syrien zurückgekehrt war, brach dort der Krieg aus. „Aus einem EU-Land nach Syrien zurückzukommen, hat sich angefühlt wie im Gefängnis zu sein, weil man sich dort durch den Krieg nicht mehr frei bewegen konnte. Ich bin aber ein offener Typ, der gerne unterwegs ist und frei leben möchte. Wegen meiner dialysepflichtigen Mutter bin ich aber noch im Land geblieben und habe in Aleppo gearbeitet“, erzählt der 38-Jährige. Mit den Jahren wurde der Krieg jedoch immer zerstörerischer und nach dem Tod seiner Mutter entschloss sich Kenno im Frühjahr 2015 doch zur Flucht und begab sich zunächst in die Türkei, von wo aus ein gefährlicher Weg begann.
„Von Izmir aus sind wir mit einem Schlauchboot in Richtung der griechischen Inseln aufgebrochen. In dem rund drei Meter langen Boot waren etwa 35 Personen. Wir sind dann auf der unbewohnten Seite der Insel Symi angekommen und mussten ohne Wasser zur bewohnten Seite hinüberwandern. Die griechische Polizei auf der bewohnten Seite hat uns dann Wasser gegeben und veranlasst, dass wir mit einem Schiff nach Athen gebracht werden“, berichtet Kenno. Damit war die Flucht jedoch noch nicht vorbei. Von Athen aus ging es vier Tage lang durch mehrere europäische Länder Richtung Westen. Nach acht Tagen im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen wurde der Syrer nach Salzburg verteilt. „Am Anfang war es schwierig, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Ich habe die Deutschkurse sehr ernst genommen, damit ich mich mit den Leuten hier verständigen konnte. Geholfen hat mir bei der Integration neben einer sehr netten Betreuerin auch mein Hobby Kochen. Alle zwei Monate haben wir in Salzburg eine ‚Syrian Pop-Up Kitchen‘ organisiert und die Einnahmen gespendet. Das hat uns mit Einheimischen ins Gespräch gebracht und dann verschwinden viele Vorurteile schnell.“
Der hohe Integrationswille trug auch dazu bei, dass Kenno ab 2016 parallel zu den Deutschkursen in mehreren Apotheken in Salzburg und Umgebung Praktika absolvieren durfte. „Wieder in der Apotheke arbeiten zu können, war toll, aber der örtliche Dialekt war anfangs wirklich schwierig für mich – ich hätte einen Dolmetscher gebrauchen können“, scherzt Kenno. Nachdem er anschließend zwei Jahre bei einem pharmazeutischen Großhändler im Lager gearbeitet hatte, eröffnete sich die Möglichkeit auf eine dauerhafte Anstellung in einer öffentlichen Apotheke in Straßwalchen. „Ich bin sehr zufrieden hier. Es macht Spaß und die Chefin ist ein netter Mensch“.
Sowohl Shaveen Alali als auch Adeeb Kenno haben es damit geschafft, sich trotz der schlimmen Erfahrungen in ihrem Heimatland und der Herausforderungen, die eine Flucht in ein anderes Land mit sich bringt, als Apotheker:innen in Österreich zu etablieren und sich eine vielversprechende berufliche Zukunft zu erarbeiten. Dass die Integration nicht bei allen Geflüchteten aus Syrien so vorbildlich funktioniert wie bei ihnen und es darüber kontroverse gesellschaftliche Debatten gibt, ist den beiden bewusst. „Die Sprache ist meiner Meinung nach der Schlüssel. Und dass man bereit ist, zu arbeiten und sich aktiv am Gemeinwesen zu beteiligen“, meint Kenno. „Die Unterschiede bei Kultur und Mentalität sind teilweise schon groß. In Syrien spielt beispielsweise die Religion bei vielen Menschen im Alltag immer noch eine prägende Rolle. Das ist für die Integration hierzulande nicht ideal“, denkt Alali. Hinter der Skepsis, die vielen syrischen Geflüchteten entgegengebracht wird, vermutet Kenno auch eine verzerrte Berichterstattung und Bewertung. „Nach dem schrecklichen Attentat in Villach war es beispielsweise ein anderer Syrer, der den Attentäter gestoppt und dabei sein eigenes Leben riskiert hat. Hängen bleibt bei den Medien und vielen Menschen aber leider vor allem, dass der Attentäter aus Syrien war.“
Die Zukunft ihres Heimatlandes bewerten die beiden Apotheker:innen unterschiedlich. Während Kenno zu Optimismus rät und glaubt, dass es möglich ist, dass in Syrien wieder alle Volksgruppen einigermaßen friedlich miteinander zusammenleben, bereitet Alali die neue Regierung Sorge: „Es war zwar wie ein Traum, als Assad gestürzt wurde – allerdings währte meine Freude darüber auch nur kurz. Von der neuen Regierung ist meiner Meinung nach nicht viel Gutes zu erwarten. Es war nicht das Ziel unserer friedlichen Proteste, in Syrien radikale Muslime an die Macht zu bringen. In der neuen Verfassung wird das Wort Demokratie nicht ein einziges Mal erwähnt.“